Killcounter

Donnerstag, 10. Januar 2013

Interview mit dem Folkmusiker Ian Read, Februar 1995

Bin wieder etwas durch das Netz gerobbt und hier und da findet man ja doch einige Dinge, die man nochmal hervorherheben sollte.Fire&Ice haben mich mit ihrem letzten Album "Fractured Man"( CD-Cover "Fractured Man" ) wieder stark mit solidem Neofolk infiziert, besonders das Stück "Verloschen" wirkt hypnotisch auf mich im positiven Sinne, Dauergast in meiner aktuellen Playlist.Aber gehen wir ein paar Jahre zurück ins Jahr 1995, in dem die Musikzeitschrift Paraneuja ein Interview mit Ian Read führte.Das Interview wurde nie veröffentlicht, Teile davon wurden wohl später von der "Sonic Seducer" publiziert.Kommen wir zum Interview, entliehen aus dem Ikonenmagazin, welches oftmals Fundgrube für interessante Dinge ist.

Halle 2003



Ian Read ist schon ein schwer durchschaubarer Mensch. Doch wen wundert das, angesichts seiner Label-Collegen bei World Serpent? Seinen Name sollte 1986 erstmals Bedeutung erlangen, als er zusammen mit David Tibets Kultformation CURRENT 93 ein rituelles Stück für "Swastikas For Noddy" aufnahm. Seine pastorale Stimme wird von da an prägnant bleiben. Nach einem kurzen Gastspiel auf DEATH IN JUNEs "Brown Book" gründete er zwei Jahre später zusammen mit Tony Wakeford (früher CRISIS, DEATH IN JUNE, ABOVE THE RUINS) SOL INVICTUS. Auf der ersten LP "Against The Modern World" übernahm er noch nahezu alle Vokalparts, ebenso auf der großen Japantour, wo er wieder DEATH IN JUNE und CURRENT 93 unterstützte (zu hören auch auf "In The Jaws Of The Serpent"). Während der folgenden Veröffentlichungen "Lex Talionis" und "Trees In Winter" stellte sich schließlich heraus, dass SOL INVICTUS mehr und mehr zu Wakefords eigener Vision wurde. Read stieg 1990 aus der Formation aus und ging aus Studiengründen für ein Jahr nach Frankfurt. Es ist hierzu anzumerken, dass Read des Deutschen außergewöhnlich mächtig ist und das Interview demnach auch nicht übersetzt werden musste, was lästige Fehler zu vermeiden half.
Nach seiner Rückkehr 1992 überredeten ihn alte Freunde, wieder Musik zu machen: aus diesen Bemühungen resultierte die steckenweise etwas befremdliche Folk-CD "Gilded By The Sun", erscheinen auf Douglas Pearce' NER-Label. Aus dem Schriftzug "FIRE * ICE" war deutlich ersichtlich, dass sich Read mit dem weiten Feld der Chaosmagie beschäftigt: Ein durch eine Binderune verfremdeter Chaosstern schafft die Verbindung zwischen den Polen Feuer und Eis. Trübten auf der ersten Veröffentlichung noch gelegentlich stampfende Computerbeats die melancholischen Balladen, stellt die zweite "Hollow Ways" einen kleines Meisterwerk der Apocalyptic Folk-Musik dar. Immer wieder stehen traditionelle Texte im Vordergrund, die den Bogen in die frühe bis mittelalterliche nordeuropäische Geschichte schlagen. Sogar eine deutschsprachige Moritat ist hier vertreten. Die niederländische Runenmagierin Freya Aswynn, die u.a. schon mit SIX COMM und CURRENT 93 arbeitete, präsentiert hier eine Art Hymne an Odin auf ihre unnachahmlich schräge Weise. Die künftige Entwicklung wird wohl weiter in die minimalistische Richtung gehen, wovon die aktuelle Live-CD "California Daze" zeugt.

Para: Ian, Deine letzten Veröffentlichung kamen alle aus den USA von einem Label namens Asafoetida. Kannst Du mir Näheres dazu erzählen?
Read: ASAFOETIDA ist ein ganzes Medienunternehmen und schließt ein Aufnahmelabel mit ein. Wir haben viele andere interessante Produkte in Vorbereitung: Bücher, Videos, usw.
Para: Was gibt es über die Kalifornier heute zu sagen? Kalifornien war einst eine Hochburg des Okkultismus; gibt es noch heute eine ausgeprägte Okkultszene?
Read: Kalifornier, wie alle Amerikaner, werden durch amerikanische Touristen und die Hollywood Filmindustrie schlecht repräsentiert. In Wirklichkeit, auf ihrem eigenen Boden, sind sie charmant und höflich und haben mehr mit Deutschen oder Österreichern gemeinsam als mit der englischen Kultur. - Die Okkultszene - wie Du sie nennst, ist ein Scherz, gleichgültig wo, und besteht meist aus unzulänglichen Leuten, die vorgeben, Superman zu sein. Ich beurteile Menschen nicht danach, wo sie sich herumtreiben oder wen sie kennen, sondern eher danach, was sie tun oder fähig sind zu tun. Darin gleichen die Amerikaner den Menschen auf der ganzen Welt. Manche sind großartig, die meisten jedoch nicht.
Para: Hast Du ein spezifisches Publikum dort?
Read: Das Publikum variiert.


Para: Du erwähnst gelegentlich Dein Interesse an Martial Arts (Kampfkünste). Kannst Du das präzisieren?
Read: Wie die meisten, die Kampfsportkünste erlernen, begann ich mit östlichen Systemen (hauptsächlich Jiu Jitsu), aber ich habe jetzt Kontakt mit einer geheimen, exklusiven Gruppe aufgenommen, die nordeuropäische Kampftechniken lehrt. Das ganze hängt mit Ásatrú zusammen und wird nur ásatrúar gelehrt. Es reicht wohl, wenn ich sage, dass unsere Methoden zumindest ebenso wirksam sind wie die orientalischen.
Para: Wie und wann kam es zur Gründung von SOL INVICTUS? War es hauptsächlich Tonys Projekt, oder habt Ihr es gemeinsam gegründet?
Read: Tony Wakeford und ich trafen einander, und er lud mich ein, ihm zu helfen, eine Band zu gründen. Diese Band war SOL INVICTUS. Ursprünglich war sie unsere gemeinsame Vision, aber Tony hatte zu dieser Zeit mehr mit Musik zu tun als ich, da meine kreativen Impulse in andere Richtungen gingen, und als Ergebnis verlagerte sich die Band ganz in seine Hände.


Para: Wie stehst Du zu den alten Songs heute? Auf der "Blood On The Snow"-MCD spielst Du "Michael"...
Read: Es ist eine Weile her, seit wir "Michael" aufgeführt haben. Die Vergangenheit ist Vergangenheit, hoffentlich lernt man daraus und geht zu größeren Dingen über.
Para: Wer ist Charlie McGowan, der auf Deiner letzten CD zwei Lieder spielt?
Read: Charlie McGowan ist ein Runenzauberer, den ich in Kalifornien getroffen habe. Asafoetida und ich hatten das Gefühl, dass er auf das Live-Album "California Daze" gehörte, und so geschah es auch. Wir werden möglicherweise weiteres Material von ihm in einer späteren Produktion herausbringen.
Para: Gibt es Filme, Bücher oder Musik, die Dich inspiriert?
Read: Die meisten Filme werden mit Geld im Hinterkopf gemacht und das bedeutet Massenanziehung. Das ist einer intelligenten Handlung nicht dienlich, da eine solche weit über den Kopf der meisten Leute gehen würde. Meine frühen Einflüsse kamen von Leslie Charteris's "Saint"-Büchern. Ein gutes Beisiel für den vorhergehenden Satz ist, dass es in keiner Film- oder Fernsehserie je eine richtige Darstellung von Simon Templar gegeben hat. Später entdeckte ich einen richtigen Hammer, "Shibumi" von Trevanian (in BRD bei Knaur, d.A.), der, obwohl ein populärer Reißer, ein elitäres Leitbild par excellence ist. Okkulte Bücher sind hauptsächlich Mist, daher lese ich akademische Quellen und bilde meine eigene Meinung. Natürlich schulden alle von uns, die mit nordischer Magie zu tun haben, Edred Thorsson große Dankbarkeit für alles, was er auf diesem Gebiet geleistet hat. - Zur Musik: Ich höre mir nur wenig an, und dann ist es hauptsächlich klassische oder Folkmusik wie Strawhead, Sandy Denny, Esbat Music und andere.


Para: Sollte Dein Publikum "okkulte" Erfahrung besitzen, um die Musik von FIRE * ICE zu verstehn? Interessanterweise geht es in den Lieder selbst selten offensichtlich um Magie.
Read: Jeder hat schon solche Erfahrungen gehabt. Alter und unsere Eltern programmieren uns darauf, sie aus unserem Geist herauszufiltern. Viel von Magie hat damit zu tun, zu lernen, wieder in der "einfachen" Welt unserer Kindheit zu leben, aber mit einem Bein in der "wirklichen" Welt. Das kann nicht mit Worten erklärt werden, deshalb schreibe ich nur selten über Magie: es hängt alles mit TUN zusammen. - Musik spricht hauptsächlich das an, was allgemein Unbewusstes genannt wird, und das versteht auf jeden Fall mehr als unser "gewöhnliches" Bewusstsein.

Wer unter den Lesern sich eine Einführung in chaosmagische Praktiken gönnen möchte, sollte zu Peter James Carrolls"Liber Kaos" (Edition Ananael) oder Nick Halls "Chaos und Hexenzauber" (Bohmeier Verlag) greifen.