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Samstag, 3. November 2012

ART ABSCONs - Der verborgene Neofolker -Interview Teil 2-

Im Labelinfo steht, Du seiest eben in dieser deutschen Romantik und im Symbolismus verhaftet. Beiden ist das Traumhafte gemein; und Deine Texte sind nun wirklich außerordentlich romantisch. Gibt es Autoren der jeweiligen Epochen / Richtungen, die Dich besonders beeinflussen und beeindrucken, und wodurch?

Ja, wie eben erwähnt, hat mir FRIEDRICH SCHLEGEL einen sehr tiefen Einblick in das geboten, was ich eigentlich tue, und ich halte seine Kunsttheorie immer noch für brandaktuell und vollkommen zeitlos. Seine theoretischen Abhandlungen über das Wesen der romantischen Universalpoesie sind in meinen Augen bald noch faszinierender als die tatsächlichen Kunstwerke, die sie anschließend inspiriert haben. Ihre perfekte Umsetzung haben sie allerdings meines Erachtens im Frühwerk LUDWIG TIECKs gefunden, besonders in seinen Kunstmärchen, wie etwa "Der blonde Eckbert" oder "Der Runenberg". Später haben E.T.A HOFFMANN und HEINRICH HEINE die romantische Schraube noch einmal weitergedreht und SCHLEGELs Theorien weiter ironisiert und ad absurdum geführt, was zu erstaunlich vielschichtigen und faszinierenden Ergebnissen geführt hat.

Während die deutsche Frühromantik eine sehr frische und frühlingshafte Natur hat, die ich sehr liebe, ist der Symbolismus hingegen so etwas wie eine seltsam späte Blüte der Romantik, die all ihre kindliche Unschuld verloren hat – die Schattenseite der Romantik. Ähnlich wie heute der Neofolk waren Romantik und Symbolismus Produkte einer allgemeinen Kulturverdrossenheit und einer tiefen Skepsis gegenüber der Gültigkeit westlicher Werte sowie eines Zweifels an der Richtigkeit eines rein wissenschaftlichen Weltbildes. Es sind Strömungen, die danach trachten, absolut alles Erdenkliche geistig durchzuexerzieren und auszuloten, um die Suche nach neuen Lösungsansätzen zu katalysieren und sich dabei nicht scheuen, die Welt komplett auf den Kopf zu stellen oder auch sehr heiße Eisen anzufassen. Natürlich erntet man dadurch sehr viel Misstrauen sowie eklatante Fehleinschätzungen von unreflektierten Menschen, die versuchen, den jeweiligen Künstler auf einen bestimmten Standpunkt festzunageln – sei er spirituell, ästhetisch oder politisch.

Es gibt und gab nicht viele deutsche Musikprojekte mit romantischen Texten; zumindest nicht viele, die nicht kitschig oder peinlich waren. Kennst Du ENDRAUM? Deine Texte erinnern mich sehr an diese deutsche Band der 1990er-Jahre …

Ich denke, dass eine falsch verstandene Romantik und ein einseitiger Kunstanspruch in der Tat immer zu sehr peinlichen Ergebnissen führen – zum Beispiel immer dann, wenn dem Ganzen die selbstironische Note fehlt. Belege gibt es dafür erschreckenderweise eine ganze Menge in der gesamten deutschsprachigen Musik.

Bei ENDRAUM muss ich leider passen. Der Name ist mir schon ein paar Mal untergekommen, aber ich bin nie dazu gekommen, nachzuhaken, worum es sich dabei eigentlich handelt. Vielleicht sollte ich das einmal nachholen. Danke für den Hinweis.

Wovon träumst Du, im Schlaf und im Wachzustand?

Nachts träume ich von Musik, tagsüber träume ich davon, sie nachspielen zu können.

Der Titel Deines aktuellen Albums sowie viele Textpassagen deuten darauf hin, dass Du davon ausgehst, dass die Welt, die Natur und die Menschen, sich selbst überlassen wurden. Einen Schöpfer, einen Lenker gibt es nicht mehr. Was gleichzeitig bedeutet, dass früher mal etwas Übermenschliches existiert haben muss. Kannst Du uns Deine spirituelle Sicht der Welt erläutern? Glaubst oder glaubtest Du an Gott, an den Teufel?

Unsere Existenz ist ein Rätsel und ein Widerspruch in sich selbst. Wir sind da, wissen aber nicht weshalb. Wir sind mit geistigen und sensorischen Fähigkeiten ausgestattet, die es uns erlauben, diese Welt zu erforschen und zu ergründen, um nach dem Sinn unserer Existenz zu suchen; und dennoch ist diese Welt so beschaffen, dass sie sich immer einem letzten Schluss entzieht, dass sie am Ende stets jede Beweiskette ad absurdum führt. Das wissenschaftliche Weltbild stößt ständig an seine Grenzen, und der Glaube hat seine Daseinsberechtigung verloren, weil es keine vertrauenswürdige religiöse Instanz mehr gibt. All dies erfüllt uns mit einer großen Unsicherheit und dem beängstigenden Gefühl einer universellen Sinnlosigkeit unseres Daseins. Um sich diesem Zustand der völligen Sinnentleerung nicht stellen zu müssen, haben wir eine kolossale Unterhaltungsindustrie entwickelt, die uns in seelenlose Drohnen verwandelt und uns dabei hilft, unser Leben schlichtweg zu verschlafen während wir in schalen Hollywood-Träumereien und virtuellen Realitäten vor uns dahinvegetieren.

Was uns fehlt, ist ein grundlegend neuer Denkansatz. Die Verbannung der Religiosität und der Mystik zu Gunsten eines wissenschaftlich orientierten Erklärungsversuches der Welt hat uns in diese Sackgasse hineinmanövriert, während der bloße Glaube als sinnstiftendes Element nicht mehr ausreichend ist, da die Wissenschaft uns gezeigt hat, wie unzulänglich die meisten religiösen Modelle sind.

Mir ist es völlig unverständlich, warum wir es uns aufgebürdet haben, der Ansicht zu sein, uns entweder für die eine oder die andere Alternative entscheiden zu müssen. Die Alchimie zum Beispiel verband Wissenschaft und magisches Denken auf eine hervorragende Weise. Wir müssen wieder lernen, den Widerspruch zu umarmen, denn nur in ihm erschließt sich uns das wahre Wesen der Welt und unserer eigenen Natur. Besonders das romantische Weltbild lehrt uns, dass es durchaus legitim ist, den Widersprüchen in der Schöpfung mit Widersprüchlichkeit zu begegnen, und auch ADORNO vertritt den Standpunkt, dass in einer widersprüchlichen Welt auch das Denken widersprüchlich sein müsse. Die Wahrheit ist niemals statisch; sie oszilliert vielmehr zwischen zwei Polen, welche die Welt im Gleichgewicht halten. Nur wer in der Lage ist, zu begreifen, dass es gleichzeitig wahr ist, dass das Universum nichts weiter als ein sinnloser Zufall ist UND dass es einen Schöpfer gibt, der es zu einem bestimmten Zweck erschaffen hat, ist in der Lage, der Wahrheit einen Schritt näher zu kommen, weil er beginnt, mit ihr zu schwingen, oder, wie DENIS SAURAT es formuliert: "Man kann nur einen Gott wahrhaftig lieben, von dem man sich nicht sicher ist, ob er existiert. Man kann nur den Gott wahrhaftig lieben, der nicht existiert."

Passt diese Sicht der Dinge zu den Romantikern, die die Natur, sozusagen als Mittelweg zwischen Göttlichkeit und Wissenschaft, als Prinzip allen Seins ansahen? Was bedeutet für Dich die Natur, wie lebst Du mit ihr?

Diese Auffassung der Natur trifft mehr auf die Romantik des Transzendentalismus zu, der in der Natur die Sprache Gottes sah. Ich teile sie bis zu einem gewissen Grad, etwa in der Weise, wie der Jesus des gnostischen Thomas-Evangeliums es zu erkennen gibt: "Erkenne, was vor deinem Angesicht ist, und das, was für dich verborgen ist, wird sich dir enthüllen. Denn es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar werden wird."

Ansonsten fahre ich kein Auto, trenne meinen Müll, spare Strom, esse kaum Fleisch und liebe Radtouren durch den Wald. Du lachst? Nein, wirklich!

Das war höchstens ein Lächeln! Du scheinst Dir oft zu widersprechen in Deinen Texten. "Die Welt ist mein Traum … im Morgengrau(e)n", und kurz darauf: "Erwacht ist der Drang zum Weltuntergang". Wie sieht die Zukunft aus: Traum oder Weltuntergang?

Das Grundkonzept des Verborgenen Gottes fußt auf einer speziellen Art des Solipsismus. Die Erkenntnis, dass sich genau genommen rein gar nichts von dem, was sich außerhalb unserer Sinne befindet, mit Sicherheit belegen oder analysieren lässt, wirft das eigene Individuum als alleinig vertrauenswürdige Instanz auf sich selbst zurück. Selbstverständlich hält sich jeder einzelne Mensch für das Wahrnehmungszentrum des Universums – und er hat damit gleichzeitig Recht und Unrecht, denn der Streit zweier Solipsisten, die beide beweisen wollen, dass nur einer von ihnen das einzig existierende Bewusstsein ist, welches den anderen in seiner Vorstellung produziert, ist ein Beispiel, welches die Absurdität des herkömmlichen Solipsismus schnell belegt. Andererseits aber verhält es sich so, dass jedes Individuum für die Entstehung seiner eigenen individuellen Welt verantwortlich ist, denn seine persönliche Art der Wahrnehmung der Welt ist absolut einzigartig. Dementsprechend ist reine Wahrnehmung im Grunde bereits Schöpfung, denn diese Welt würde nicht existieren, wenn sie nicht wahrgenommen werden würde. Somit ist jedes wahrnehmende Individuum potentiell ein Schöpfer – ein Gott. Und wenn diese Welt nichts weiter ist als meine Vorstellung, mein Traum von ihr, dann erlischt sie genau in dem Moment, in dem ich erwache. Genau dieses Erwachen aber ist die Geburtsstunde des potentiellen Gottes, der tief verborgen in uns schlummert. Das Erwachen des Verborgenen Gottes in uns wäre demnach gleichzusetzen mit den Ende der Welt, wie wir sie kennen; und natürlich fürchten wir dieses Ende genauso sehr, wie wir uns nach ihm sehnen ("Wollen wir wecken / Was in unseren Ahndungen dämmert? / Ob Schönheit ob Schrecken / Was immer dort schlummert?")

Wie dem auch sei, selbst wenn wir ihn jetzt noch nicht wecken wollen, sollten wir uns diesen Gott, der in uns schlummert etwas bewusster machen und versuchen, mehr auf seine Stimme zu hören – denn er spricht manchmal im Schlaf.

Von der Zukunft der Welt zu Deiner persönlichen, musikalischen Zukunft: Die Diskografie von ART ABSCONs ist gerade mal zwei Jahre alt. Da könnte uns noch viel erwarten, oder?

So wie ich ABSCON kenne, wird in der Tat noch einiges auf uns zukommen. Im August erscheint allerdings zunächst eine besonders ausgefallen gestaltete Vinyl-Edition von "Am Himmel mit Feuer II". Dieses Album ist nun endlich eine professionell produzierte Version seines gleichnamigen Vorgängers und enthält ein paar neue Stücke sowie verbesserte Versionen der alten Stücke. Im Großen und Ganzen ist es eigentlich ein komplett neues Album und ein sehr hübsches Sammlerstück. Ich bin mit dem Resultat sehr zufrieden. Es ist sehr rund und gut produziert und wird wahrscheinlich erst nächstes Jahr auf CD erscheinen.

Am 31. Oktober diesen Jahres werden ART ABSCONs wieder live spielen, wenn alles gut geht, in Rom, was gleichzeitig eine Release-Party für eine Halloween-EP auf Vinyl sein wird, die wahrscheinlich bereits eine Woche vor Halloween bestellt werden kann, aber nicht vor dem 31. Oktober gehört werden darf. Ein weiteres Konzert ist für den 31. Dezember in Leipzig bestätigt, in der Theaterfabrik zusammen mit DERNIÈRE VOLONTÉ und TRIARII.

Anfang nächsten Jahres steht dann endlich das nächste richtige ART ABSCONs-Album an. Ich habe es bereits komplett in einem der ergreifendsten und bedeutsamsten Träume hören dürfen, die ich je hatte, und schon einen Teil davon aufgenommen. Dieses Album wird ein perfektes Zeugnis von ABSCONs Sendungen sein, denn ich weiß, dass ich endlich die nötige Erfahrung sowie das technische Wissen angehäuft habe, seine Eingebungen in würdiger Weise umzusetzen. Ich bin schon sehr aufgeregt und selbst unglaublich gespannt auf das Ergebnis! Es ist eine sehr große Verantwortung, die mir da zuteil wird! Das Album wird "Les Sentiers Éternels" heißen.

Zu alledem wird es noch eine BAUDELAIRE-Vertonung mit L'HORRIBLE PASSION geben, einen Soundtrack zu einem Film sowie eine sehr vielversprechende Zusammenarbeit mit einem bildenden Künstler. Aber darüber verrate ich jetzt noch nichts ... Außerdem hatte ich nach unserem letzten Konzert mit LUFTWAFFE und GNOMONCLAST in Italien noch ein paar Tage N2 ITINITI, J1 STATIK und SASHA FELINE von GNOMONCLAST bei mir zu Gast, und wir haben ein paar sehr schöne Sachen zusammen aufgenommen ...

ART, danke für das umfassende Interview und weiterhin viele Inspirationen für zukünftige ART ABSCONs-Projekte!

Quelle

ART ABSCONs - Der verborgene Neofolker -Interview Teil 1-

Hin und wieder stoße ich auf für mich neue Künstler im Bereich Neofolk, Darkfolk etc. und möchte daher einiges Wissenwertes hier verlinken, vorab ein Interview mit Art.

Wie soll ich Dich denn ansprechen? Du oder Sie? ART oder Mr. ABSCONs? Oder ganz anders? Und was bedeutet der Projektname?

Du und ART sind vollkommen in Ordnung, soweit lediglich der Erfüllungsgehilfe von ABSCON angesprochen wird – also meine Wenigkeit. Der Name ABSCON hat eine sehr vielschichtige Bedeutung, welche die Eigenart hat, ständig zu wachsen. Ich darf im Moment allerdings nur drei Dinge über diesen Namen verraten. Erstens: Er bezieht sich auf eine nordfranzösische Kleinstadt namens Abscon, die unter römischer Belagerung 'Abscondinium' hieß. Zweitens: Er bezieht sich auf das lateinische Wort 'absconditus', welches 'verborgen' oder 'geheim' bedeutet, sowie auf das französische Wort 'abscons', welches so viel wie 'nicht zu verstehen' bedeutet. Drittens: Er bezieht sich auf THOMAS VON AQUINs Lehre vom 'Deus Absconditus', dem verborgenen Gott.

ART, wenn ich die Philosophie Deines Projektes richtig verstehe, dann siehst Du Dich nur als eine Art Medium, welches von der Figur des 'Grandmaster ABSCON' inspiriert und befüllt wird. Wer ist dieser Grandmaster ABSCON, und handelt es sich um eine reale Person oder ist das vielmehr Dein lyrisches Ich? Oder umgekehrt – bist Du das lyrische Ich vom Grandmaster?

Inspirierte Kunst folgt immer genau diesem Prinzip. Allein der Begriff 'Inspiration' deutet bereits darauf hin, dass dem Künstler etwas 'eingehaucht' wird. Ein wahrer Künstler ist niemals für den Ursprung seiner Ideen verantwortlich. Die landläufige Vorstellung, dass Künstler so etwas wie 'Phantasie' besäßen oder gar 'sich selbst verwirklichen' möchten, ist ein grober Irrtum, der mich gewöhnlich sehr peinlich berührt und oft sogar verärgert. Ein Künstler ist lediglich jemand, der von Ideen heimgesucht wird, die von außerhalb auf ihn einströmen. Sie bitten ihn darum, ihnen eine greifbare Form zu verleihen. Sobald er sich auf diese Bitte einlässt, wird ihm eine große Verantwortung aufgebürdet, denn nun liegt es an ihm, der Idee mittels all seines Könnens (und der etymologische Ursprung von 'Kunst' liegt im 'Können') eine Gestalt zu verschaffen, die ihrem übernatürlichen Wesen würdig ist. Genau genommen ist der Künstler also bloß ein Handwerker, der einen Auftrag aus dem Jenseits erhält.

Wer oder was ABSCON genau ist, weiß ich nicht. Alles, was ich weiß ist, dass er sich meiner scheinbar nach Belieben bedient. Er spielt mir seine Musik in Träumen vor, er diktiert mir seine Poesie in plötzlichen Epiphanien, er lässt mich Dinge finden und entdecken, die seinen Zwecken dienen, er fährt in meinen Körper, wenn ich seine Maske trage. Nach unseren Konzerten beispielsweise kann ich mich manchmal nur schwer daran erinnern, was eigentlich auf der Bühne passiert ist, und einige Konzertbesucher haben mir hinterher erzählt, dass sie in manchen Momenten den Eindruck gehabt hätten, die Maske sei lebendig gewesen – was sie erschreckt aber sehr fasziniert habe.

Viel spannender noch die Frage: Wer bist DU? Wie alt bist Du? Und warum verbirgst Du Dich hinter einer Maske? Hat diese Maske – wie zum Beispiel die Masken der Perchten – eine bestimmte, historische Bedeutung?

Ich glaube nicht, dass die ANTWORT auf diese Frage besonders spannend ist. Der Mensch hinter dieser Maske ist niemand besonderes. Er ist weder besonders hübsch, noch besonders hässlich, weder besonders gebildet noch besonders ungebildet, usw. Er ist Mitte Dreißig und hat ansonsten eigentlich keine interessanten Eigenschaften. Die Maske weist darauf hin, dass ihm als Person kein Verdienst an dem Werk ART ABSCONs zusteht. Jeder Popanz könnte ART ABSCON sein, wenn ABSCON ihn nur für sich auserwählen würde. Das ist das Einzige, worauf ich stolz sein kann: dass ich die Ehre habe, seine Ideen verwirklichen zu dürfen. Darüber hinaus hat die Maske keine weitere Bedeutung. Sie dient lediglich dazu, mich selbst als Person aus dem Kunstwerk ART ABSCON hinweg zu streichen. Die meisten Leute in meinem privaten Umfeld wissen überhaupt nicht, dass ich Musik mache. Es ist nicht wichtig, wer ich bin. Wichtig ist nur, was durch mich vermittelt wird.

Aber die Singstimme bist schon Du, oder? Hast Du eine musikalische Ausbildung? Der Vortrag klingt sehr professionell …

Ja, irgendwie ist es meine Stimme, irgendwie aber auch nicht. Es ist seltsam, aber Leute, die mich und meine 'Alltagsstimme' gut kennen, erkennen sie nicht wieder, wenn sie ART ABSCON sprechen oder singen hören. Ich selbst habe keine wirkliche musikalische Ausbildung und bin lediglich ein sehr fauler Autodidakt. Wenn mir ein Instrument vorgesetzt wird, tue ich einfach, was ich tue. Ich spiele zwar mitunter viele Instrumente, aber keins von ihnen besonders gut.

Gibt es außer Dir (und dem Grandmaster) noch andere Mitglieder von ART ABSCONs?

Bis auf meine Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstlern wie GNOMONCLAST habe ich alle Instrumente auf den Alben von ART ABSCONs selbst gespielt; lediglich für Konzerte werde ich unterstützt von einer Freundin an Keyboards und Melodica und einem Freund an der elektrischen Gitarre.

Du spielst wie gesagt alle Instrumente auf den Alben selbst, bist auch bei NORMA LOY schon als Gitarrist aufgetaucht, wie ich im Internet auf einer NORMA LOY-Seite entdeckt habe. Kannst Du uns Deine musikalische Karriere kurz skizzieren?

NORMA LOY? Seltsam! Ich bin ein großer NORMA LOY-Fan und habe sie sogar mal getroffen, glaube aber nicht, dass ART ABSCON bei NORMA LOY Gitarre gespielt hat!! Das müsste ich doch eigentlich wissen! Wie kommst du bloß auf die Idee?
Auch sonst habe ich vor ART ABSCONs musikalisch nichts Besonderes hervorgebracht.

Bist Du ein netter Mensch? Deine Maske sieht zwar gruselig aus, aber zum Beispiel hast Du auf dem DISCOGS-Foto ein Akkordeon in der Hand und Kinder neben Dir. Das wirkt trotz allem freundlich. Mit welcher Einstellung gehst Du durchs Leben?

Hahaha! Natürlich bin ich nett! Das hoffe ich jedenfalls. Mit ABSCON sieht es allerdings etwas anders aus. Er hat mir einmal die folgende Formel als Urgrund all seines Schaffens offenbart: Gut + Böse = Schönheit. Ob ich diese Gleichung jemals ganz verstehen werde, kann ich nicht sagen, aber was ich mit Sicherheit behaupten kann, ist, dass ABSCON genauso freundlich ist wie beispielsweise das Universum oder die Natur ...

Die Maske (mehr) und Deine Musik (weniger) erinnern an DEATH IN JUNE. Was verbindet Euch – wenn überhaupt?

Ich kann kaum verhehlen, dass ich DEATH IN JUNE schon mit 16 oder 17 gehört habe, also bereits Anfang der 90er. Natürlich prägt so etwas ungemein. Allerdings – und auch wenn es scheinbar sehr nahe liegt – denke ich nicht, dass DEATH IN JUNE dafür verantwortlich sind, dass ich bei ART ABSCONs eine Maske trage. Ich glaube, wenn man mich wirklich zwingen würde, zu verraten, wer mich dazu inspiriert hat, für dieses Projekt eine Maske zu benutzen, würde ich weniger DIJ als vielmehr die RESIDENTS nennen. Im Großen und Ganzen war es aber, glaube ich, eher eine interessante Fügung des Schicksals als bloßes Epigonentum, was mich dazu bewogen hat, eine Maske zu benutzen. Jedenfalls hoffe ich das.

Zum ersten Mal getragen habe ich die Maske am Ersten Mai vor drei Jahren. Ich habe sie am Rheinufer gefunden, wo ich mit einer Freundin ein Picknick gemacht habe. Ich hatte damals mein Akkordeon dabei und fand es lustig, die Maske anzuziehen und Akkordeon spielend über die Rheinauen zu hüpfen. Dieses Schauspiel lockte vier Kinder an, die zufällig in der Nähe spielten. Ich bin sehr froh, dass meine Freundin eine Kamera dabei hatte und diesen Moment festgehalten hat. Das war die perfekte Magie zum Ersten Mai und das erste Mal, dass ich erlebt habe, was es bedeutet, ABSCON zu sein.

Würdest Du Dich als Neofolker bezeichnen? Was macht Neofolk – nach Meinung vieler ein dahinscheidendes Genre – heutzutage aus?

Natürlich habe ich neben vielen sehr unterschiedlichen Sachen auch eine Menge Neofolk-Platten im Schrank und habe besonders DEATH IN JUNE, CURRENT 93 und SOL INVICTUS sehr früh und mit großem Interesse verfolgt, zu einer Zeit, als kaum jemand diese Bands kannte. Es hat mich sehr überrascht, als es vor ein paar Jahren plötzlich dieses große zeitverschobene Interesse an diesem Phänomen gab – fast 20 Jahre (!) nach Alben wie "But, What Ends When The Symbols Shatter?", "Thunder Perfect Mind" und "Against The Modern World"! Der Umstand erschien mir allerdings als ein sehr glücklicher. Ich hatte besonders die 90er Jahre und die ersten Jahre des neuen Jahrtausends als musikalisches Brachland empfunden, was natürlich seinen Ursprung in einer generellen kulturellen Stagnation hatte. Besonders die Jahrtausendwende hatte uns alle mit großen Erwartungen erfüllt, sei es, dass wir darauf hofften, dass plötzlich ein fundamentaler geistiger Paradigmenwechsel eintreten würde oder dass wir mit Spannung den Weltuntergang erwarteten – nichts von alledem trat ein; alles schien beim Alten zu bleiben, nichts schien sich zu verändern, weder in politischer noch in kultureller oder spiritueller Hinsicht. Unsere gesamte westliche Kultur schien ans Ende ihrer Sackgasse geraten zu sein. Doch trotz der totalen Stagnation sowie der allgemeinen Ratlosigkeit und geistigen Desorientierung gibt sich unser Zeitalter einen progressiven Anstrich und behauptet, dass unsere Zivilisation besonders weit entwickelt sei, dass unsere Wertvorstellungen edel und richtig seien, obwohl ein ehrlicher Blick auf den heutigen Stand der Dinge viel eher offenbart, dass unsere Zivilisation nie in einem armseligeren Zustand gewesen ist, als sie es jetzt ist.

Das Neofolk-Phänomen zeichnet sich dadurch aus, dass es sich diesen Zustand der Stagnation und der eklatanten Unehrlichkeit unseres Zeitalters besonders bewusst macht und ihn teils mit drastischen und schockierenden Mitteln entlarven möchte, teils einen geistigen Wandel durch Rückbesinnung auf unsere kulturellen Wurzeln bewirken möchte. Das ist ein sehr guter und wichtiger Ansatz. Das derzeitige Problem des Neofolks ist allerdings, dass dieser Ansatz in vielen Fällen zur bloßen Pose verkommt. Durch den 'Boom' gibt es einen riesengroßen Nachwuchs. Mehr Quantität bedeutet allerdings auch immer weniger Qualität. Was derzeit in dieser Szene passiert, ist bloß ein ständiges pathetisches Wiederkäuen einiger weniger Formeln, Floskeln und Gesten – und dies (natürlich bis auf einige sehr glorreiche Ausnahmen) von einem sehr großen Haufen untalentierter und uninspirierter Stümper. Es ist leicht abzusehen, dass das Interesse an dem, was den Neofolk bisher ausgemacht hat, recht bald verebben wird. Dies bedeutet allerdings nicht, dass es nicht weitergeht. Es liegt an der kleinen Handvoll berufener Künstler, den Weg aus diesem künstlerischen Morast heraus zu weisen. Es geht weiter. Aber es wird anders. Und wenn es hinterher nicht mehr 'Neofolk' heißt, wen kümmert's? Mich jedenfalls nicht.

Du scheinst teilweise mit Neofolk-Sujets zu spielen. Zum Beispiel heißt auf "Der Verborgene Gott" eines Deiner Lieder "Rune". Es entpuppt sich allerdings – in meinen Ohren – als Liebeslied, das mit Runen überhaupt gar nichts zu tun hat. Ist das Ironie, Deine spezielle Art, mit Neofolk-Klischees umzugehen?

Eine Eigenart des bisherigen Schaffens von ART ABSCONs ist, dass ABSCON mir neben seinen mystischen Diktaten noch den Freiraum gelassen hat, dem Ganzen eine persönliche Note zu verleihen oder neben den allgemeingültigen, ewigen und zeitlosen Aussagen, die er trifft, auch hin und wieder das Zeitgeschehen oder meine persönlichen Empfindungen zu reflektieren. Meine Art, mit solchen Reflektionen umzugehen, erlaubt es allerdings niemals, sie eindeutig festzunageln. Wenn du es 'Ironie' nennst, triffst du in der Tat den Nagel auf den Kopf. Allerdings berufe ich mich hier strikt auf FRIEDERICH SCHLEGELs Begriff von Ironie. Demnach ist alles, was ich sage, gleichzeitig tiefer Ernst und reiner Schalk. Alles ist in der Schwebe und dreht sich wie ein Perpetuum Mobile. Natürlich halte ich damit der 'Szene' selbst auch von Zeit zu Zeit einen Spiegel vor. Wenn ich zum Beispiel eingangs nicht schon erwähnt hätte, dass ich die Maske zufällig gefunden habe, könnte ich jetzt behaupten, diese billige Gummimaske wäre nichts weiter als ein lächerliches Abziehbild von DEATH IN JUNE und lediglich dazu angedacht, den hölzernen Ernst mancher Neofolker aufs Korn zu nehmen. Dies wäre aber nur eine winzige Facette der Wahrheit; gleichzeitig bin ich nämlich selbst ein sehr ernsthafter und ehrfürchtiger Mensch.

Ich glaube, besonders die Deutschen haben vollkommen verlernt, zu akzeptieren, dass Kunst im selben Moment todernst UND humorvoll sein kann – und es sogar sein muss. Das finde ich sehr bedauernswert, denn besonders die deutsche Romantik zeigt uns, dass wir auf diesem Gebiet einmal führend waren.

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